
Name: Milena Kienzl
Wohnort in Deutschland: Berlin
Wohnort in Spanien: San Fernando (Andalusien)
Programm: Schuljahr 2007/2008
Vor knapp 4 Monaten stand ich mit meinem Koffer am Flughafen Schönefeld von Berlin. Meine Mutter und meine besten Freunde hatten mich begleitet. Die Uhr zeigte 09:07 an. in einer Stunde würdemein Flug nach Spanien losgehen, mein Traum würde wahrwerden. So ganz realisisiert hatte ich es wohl immer noch nicht. Viel zu nah war der Abschied von meiner Familie und meinen Eltern. Zweifel drängten sich auf. " Warum mache ich das eigentlich? Mir gehts doch gut hier. Warum lasse ich meine Familie, meine Freunde und alles was mier hier so lieb ist im Tausch gegen ein fremdes Land, in dem ich niemanden kenne, zurueck?"
Als ich dann im flugzeug sass, verdrängten die Neugier und die Spannung auf das Neue die Zweifel allerdings schnell. Ich war auf dem weg Spanien! Ein Gefühl der Begeisterung durchströmte mich. Warum ich das machte? Den Wunsch nach Spanien zu gehen hatte ich schon seit der 8. Klasse. Ein neues Land mit einer anderen Kultur kennenlernen, die Sprache lernen, den Alltag in Deutschland hinter mir lassen... Hauptsächlich aber aus einem Bauchgefühl heraus, was mir sagte:" Du musst das jetzt machen!!" Mein Bauch hatte Recht .Meine Entscheidung nach Spanien zu gehen, war die beste die ich bisher getroffen habe.
Jetzt lebe ich hier, in San Fernando, Spanien. Das ist ein kleines, aber lebendiges Städtchen an der Atlantiküste Spaniens in Andalusien. Anfangs war es für mich "Grossstadtmädchen" aus Berlin schon eine ganz schöne Umstellung. Das leben in einer 200 000- Einwohnerstadt unterscheidet sich sehr von dem Leben in Berlin. Jetzt fühle ich mcih aber pudelwohl hier und geniesse das Kleinstadtleben. Der Strand ist nah, die Nachbarstadt Cadiz eine Viertelstunde mit dem Bus entfernt und es gibt ein Theater und Musik in den Strassen. Wenn ich durch San Fernando laufe kommt es mir so vor, als würde ich die halbe Stadt kennen, so viele Leute grüssen mich.
Ich lebe hier, als hätte ich schon immer hier gelebt. Ich habe drei mal die Woche Basketballtraining, 2 mal die Woche Tanzen und an den Wochenenden treffe ich mich mit Freunden um auszugehen oder zu lernen. Langweilig wird mir nicht ;-)
Die Anfangszeit war die schwierigste und auch spannendste Zeit. Schon nach 2 Wochen stand der erste Schultag vor der Tür. Einerseits freute ich mich darauf, weil ich endlich Leute kennenlernen wollte, anderseits hatte ich auch einen ziemlichen Bammel davor. Wie sollte ich denn mit meinen wenigen Spanischkentnissen Freunde finden oder etwas im Unterricht verstehen? Letztendlich war es ein richtig toller, wenn auch anstrengender Tag. Die Leute sind auf mich zugegangen, haben sich für mich interressiert, mir beim Bücherkauf geholfen und mich gefragt, ob ich mit ihnen ausgehen wolle am Wochenende. Das ich von der Rede des Direktors nicht mal die Hälfte verstanden haben, hat mir dann gar nicht mehr so viel ausgemacht.
Das Lehrer-Schüler-Verhältnisnis ist hier viel lockerer als in Deutschland. Die Lehrer werden geduzt und mit Vornamen angeredet. Der Unterricht wird allerdings aussschliesslich frontal gehalten, was oft sehr langweilig ist. Es gibt keine Mitarbeitsnote und die Endnote setzt sich nur aus den Examen zusammen, die folglich ziemlich wichtig sind.
Inzwischen verstehe ich sogar meinen Filosofieleher mit seinem extremen andalusischen Akzent;-) Meine Gstmutter sagt mir immer, wenn ich die Andalusier versthe, verstehe ich das Spanisch auf der ganzen Welt.
Nach einem Gastfamilienwechsel fuehl ich mich nun superwohl in meiner Familie. Ich lebe in einer typischen spanischen Grossfamilie. Jeden Sonntag treffen sich alle im Haus der Grossmutter(so ca 30), um zu essen , zu reden und einfach um zusammen seine Zeit zu verbringen. Anwesenheit ist Pflicht, das Familienleben wird hier grossgeschrieben. Auch wenn ich manchmal meine Sonntage gerne mit Freunden verbringen wuerde, geniesse ich das Zusammensein mit meinen ganzen Tanten, Onkels und Cousins sehr.
Ich wohne mit meinen Gasteltern, meinen 2 Gastgeschwistern(14 und 18) un einem Austauschschueler aus Amerika zusammen.
Mit meiner Gastschwester mit der ich mir das Zimmer teile, quatsche ich oft die halbe Nacht, wir gehen zusammen aus kucken uns zusammen einen Film an. Mit der ganzen Familie verstehe ich mich sehr gut und alle behandeln mich wie ein normales Familienmitglied.
Natürlich gibt es auch einige gewöhnungsbedürftige Sachen. Z.b die späten Abendessenszeiten( zwischen 11und 12 Uhr), das in Spanien sehr viel lauter geredet wird (man koennte auch schreien sagen) als in Deutschland und dass es hier statt Türen Vorhänge gibt. Doch auch daran kann man sich gewöhnen und ich habe gemerkt, dass das Wohlbefinden nicht von solchen Kleinigkeiten abhängt.
Auch die Feste werden hier anders gefeiert. Weihnachten z.B war fenomenal. Um 11 Uhr haben wir zu Abend gegessen. Gegen 1 Uhr kam dann die ganze restliche Familie und einige Freunde der Familie zum Feiern. Insgesamt waren wir fast 40 Leute. Die Tische wurden zur Seite gerückt, Musik aufgedreht und bis um 6 uhr morgens getanzt, gelacht und gesungen. Als die Füsse angefangen haben wehzutun, wurde einfach auf Socken weitergetanzt.
"Weihnachtlich" im deutschen Sinne hab ich mich nicht gefühlt, aber es war trotzdem toll und ich habe mich amüsiert wie noch keine Weihnachten davor.
Natürlich gibts es auch hier nicht nur schoene Momente. Es gibt Augenblicke, in denen man an sich selbzt zweifelt, sich einsam und unverstanden fühlt.Doch auch diese schweren Momente sind Teil dieser Erfahrung, die einem, wenn man sie überwunden hat noch stärker machen.
Ich habe gemerkt, dass man fast alles schaffen kann uns nach jeder bewältigten kleinen "Herausforderung" durchströmte mich ein Glücksgefühl,was man gar nicht beschreiben kann, man muss es selbst erlebt haben.
Dadurch, dass man von seiner alten Umgebung losgeloesset ist, und sich in einem neuen Umfeld befindet, definiert man sich selbst neu. Man hinterfragt seine alte Persoenlichkeit und seine alten Meinungen (und Vorurteile) und findet mehr zu sich selbst.Die Veraenderungen gehen in einem selbst vor, ohne das man selbst es merken würde. Ich war neulich doch recht überrascht, als meine Gastschwester mich darauf hingewiesen hat, das ich mich in der kurzen zeit sehr veraendert haette. Sie meinte ich seie nun offener, würde mehr auf die Leute zugehen und mit ihnen reden.
Ich habe gelernt, dass es die Kunst des Lebens ist, das zu nehmen was man hat und daraus das Beste zu machen.
Ich bin ruhiger geworden. Ruhiger nicht in dem Sinne, das ich weniger rede, sondern ruhiger im dem Sinn, dass ich mehr weiss, was ich moechte und das mich nichts mehr so schnell aus dem Gleichgewicht bringen kann. Das Leben hier ist voller Veraenderungen, Abschiede und Überraschungen und man weiss nie was kommt. Ich habe gelernt, dass es die Kunst des Lebens ist, das zu nehmen was man hat und daraus das Beste zu machen.
Gleichzeitig gewinnt man einen neuen Blick auf sein eigenes Land. Ich habe kleine Sachen in Deutschland schaetzen gelernt, genauso wie ich nun vieles kritisiere.
Die Zeit vergeht hier rasend schnell und in weniger als 6 monaten heisst es schon wieder Abschied nehmen.
Ich werde es vermissen mit meiner Schwester im Zimmer Rumba zu tanzen , ich werde die hitzigen Diskussionen mit meiner Gastfamilie über Gott und die Welt vermissen , die Flamencostunden mit meiner "Tante", die froehliche und offene Art der Spanier, die Art zu leben(z.b das sich das alles auf der Strasse abspielt), das Meer und die Sonne, die Videoabende an den "kalten" Winterabenden, die warmen Nächte am Fluss mit meinen Freunden, die Sonntage mit meiner Familie,das Rumgealbere mit meiner Gastmutter, das leckere Essen (ich weiss nicht wie ich ohne Churros leben soll) etc.... All die kleinen Dinge, die mein Leben hier ausmachen.
Insbesondere werde ich aber meine Familie, mein Basketballteam und meine Freunde hier vermissen, die ich alle echt lieb gewonnen habe.
Ich versuche jedoch nicht an die kurze Zeit zu denken die noch bleibt, und geniesse den Augenblick!!